Interview
Interview zu Person und ArbeitIst es überhaupt korrekt, Ihre Hebammen-Tätigkeit als „Job“ zu bezeichnen?
Beruf – Berufung? Hebamme ist, glaube ich, eine Berufung. Das kann man als Job schwer machen. Diese Tätigkeit hat sehr viel mit Liebe zu Menschen zu tun. Der Beruf ist etwas für Menschen, die sehr viel Vertrauen in das Leben haben. Sie müssen etwas zulassen, gewähren lassen können, müssen vertrauensvoll dabei sein und dürfen nicht „dem Macher“, „dem Machen“ verhaftet sein. Schauen, was passiert, das muss ihnen möglich sein. Hebammenarbeit ist in meinen Augen aber auch eindeutig eine Mission. Und diese, meine Mission heißt: die Kompetenz der Frauen stärken ohne sie zu verunsichern, vor allem vor dem Hintergrund der enormen Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung, von der ersten Sekunde an. Ich lebe in dem Bewusstsein, dass die Mutter-Kind-Bindung jegliche Anfänge der Liebesfähigkeit darstellt – das begeistert mich nicht nur, sondern das halte ich auch für eine immens wichtige Botschaft für die werdenden Mütter und Väter, für die Hebammen, die Ärzte, für alle Menschen – daher widme ich diesem Thema meine ganze Kraft. Das klingt zwar etwas pathetisch, aber ich finde, es ist angebracht und ich will es auch wirklich nicht klein reden. Ich habe in meiner Berufserfahrung mitbekommen, wie existentiell wichtig es ist, die jungen Familien zu stärken. Davon hängt sehr viel ab und es wird leider einfach zu häufig unterschätzt.
Was ist das besondere, einzigartige an Ihrer Arbeit?
Dass der Mensch sich so zeigt, wie er wirklich ist. Als Psychotherapeutin bin ich natürlich auch schon nah am Menschen, aber als Hebamme auf ganz einzigartige Weise. Den Einzelnen ungeschminkt erleben zu können – die Schutzhüllen sind abgelegt – das ist von immenser Intensität. Die Person ist eben auf eine Art da, wie du sie im normalen Alltag nicht erlebst – und das ist etwas Wunderbares. Und es betrifft ebenso die Männer. Natürlich bringen sie ihre Schutzhüllen auch mit, können sie aber ablegen und zeigen sich hier wirklich schwach, ohne darunter zu leiden, weil sie hier keinen Statusverlust fürchten müssen und sich selbst auch neu erfahren. Die Männer zeigen sich genau mit dem, was sie gerade beschäftigt. Das ist schon ein enormer Unterschied „zu draußen“. Dann werden einfach keine unwichtigen Sachen mehr besprochen. Du weißt dann genau: Das ist die Person. Du weißt dann: So fühlt er, so denkt er, so spricht er. Mit den Männern ist das meist nur ein kurzer aber sehr intensiver, wunderbarer Kontakt.
Wie sieht eine normale Arbeitswoche bei Ihnen aus?
Ich habe in meiner Praxis verschiedene Aufgaben: Schwangerenvorsorgen und die Betreuung bei Schwangerschaftsbeschwerden. Ich führe auch Kurse durch. Dazu kommen die Stillberatung und die Schreibaby-Sprechstunde. Weiterhin gehört zu meiner Wochenarbeit die ganze Nachsorge, also die Wochenbettbetreuung. Ich selbst bin seit 1995 nicht mehr im Kreissaal bei der Entbindung dabei, denn ich wollte mich den starken Defiziten in der Vorsorge und in der Nachsorge stellen. Bei der Geburtshilfe war alles sehr gut gewährleistet. Die Ärzte, die Hebammen – alle haben sich 24 Stunden lang auf die Geburtshilfe konzentriert. Alles andere stand im Hintergrund. Ich habe aber gemerkt, dass viele Frauen während der Schwangerschaft sehr verunsichert wurden. Der Wechsel der Geburtshilfe vom häuslichen in den klinischen Bereich und die damit zusammenhängende Technisierung hat die Frauen in den letzten 50 bis 60 Jahren erheblich von ihren ursprünglichen Gefühlen und ihrer Selbstwahrnehmung entfremdet. Hebammen haben die zunehmende Verunsicherung der Frauen durch die „Industrialisierung“ der Geburtshilfe beobachtet und können oft nur noch Schadensbegrenzung leisten.
Würden Sie sagen, dass Neugeborene schon so etwas wie Charakter mitbringen?
Ich würde auf jeden Fall von einem „kompetenten Säugling“ sprechen. Zum Beispiel vermögen es Neugeborene, die unmittelbar nach der Geburt auf den Bauch der Mutter gelegt werden, sich durch Eigenbewegungen zur Brustwarze der mütterlichen Brust zu kämpfen. Daher ist es so wichtig, dass das Neugeborene nach der Geburt nicht von der Mutter getrennt, sondern gleich auf ihren Körper gelegt wird. Die Babys finden aus eigener Kraft die Andockstelle – grandios. Neugeborene sind also kein leeres Blatt. Die Säuglinge fühlen alles, sie wissen nur wenig. Sie spüren Trauer, Stress, Enttäuschung, Freude. Die Babys lernen sehr schnell und streben nach Entwicklung. Beim Stillen lässt sich genau beobachten, wie kommunikativ sie sich anstellen können und welchen Terz sie machen können, wenn man sich ungeschickt anstellt. Das Kind kommuniziert perfekt, man muss aber die Sprache des Babys beherrschen – in der Schreibaby-Sprechstunde bestätigt sich das immer wieder.
Wie stehen Sie zur Trauerarbeit?
Pastorin Neubauer (Pastorin der Kirchengemeinde Am Stern) hat eine tolle Bestattungsinitiative ins Leben gerufen. Jedes Kind kann auf dem Uelzener Stadtfriedhof bestattet werden, auch wenn es nur ein paar Wochen im Mutterleib gelebt hat. Das gleiche gilt für Kinder, die auf Wunsch der Eltern abgetrieben wurden. Die Bestattung ist kostenlos. Ich finde das großartig. Und für die Eltern ist es eine große Entlastung. Sie wissen, wo ihre Kinder sind, sie können zu ihnen hin, sie können an einem besonderen Ort ihre Trauerarbeit leisten. Wenn sie mich fragen, ob ich lieber im Kreissaal oder auf dem Friedhof bin, dann sage ich Ihnen als Hebamme, dass ich mich natürlich immer fürs Leben entscheiden würde. Ich kämpfe für das Leben und gebe meine Kraft dafür. Wenn aber eine höhere Kraft sagt, dass es gut ist, dass da etwas zur Ruhe kommt, dann gilt es, das auch zu akzeptieren.
(Das Interview entstand für eine Ausgabe von „Anstoß“ einer Arbeitslosenzeitung für Uelzen und ist in Auszügen wiedergegeben)